Am Dienstag haben die USA gewählt. Neben Senat, Haus und Gouverneursposten stand in Dutzenden Gemeinden noch etwas anderes auf dem Zettel: Rechenzentren. Und fast überall, wo darüber abgestimmt wurde, haben die Anlagen verloren. Die Washington Post zählt mindestens 38 Kommunen, in denen Verbote oder Beschränkungen durchgekommen sind. Semafor kommt auf über 30 Orte in neun Bundesstaaten.
Edgewater in Florida hat ein Verbot gleich in die Stadtsatzung geschrieben. Perry in Ohio hat Hyperscaler, die Steuervergünstigungen wollen, an finanzielle und betriebliche Auflagen gebunden. Texas’ Gouverneur Greg Abbott war im Sommer noch ein Freund des Ausbaus, hat sich dann strengere Regeln versprochen und am Dienstag trotzdem verloren.
Ohio ist der Prototyp
Mehr als die Hälfte aller Vorlagen kam aus einem einzigen Bundesstaat. 18 Gemeinden, 21 Abstimmungen, von 41 landesweit. Mindestens 14 Kommunen haben am Dienstag Verbote oder Beschränkungen beschlossen, berichtet Fortune.
Sunbury hat ein Verbot für Anlagen ab 25 Megawatt beschlossen, bei vollständig ausgezählten vorläufigen Stimmen. Pataskala hat ein Satzungsverbot für große Rechenzentren durchgebracht. In Ashville ging es gegen einen Campus, der schon gebaut wird – auch der wurde blockiert. In Wilmington haben rund 80 Prozent der Wähler in vier getrennten Referenden die Umwidmung von Grundstücken abgelehnt, die ein Rechenzentrum aufnehmen sollten.
Dabei ist Ohio keine Randlage. Nach Fortune liegt der Staat auf Platz fünf der USA bei der Zahl der Rechenzentrumsprojekte, Unternehmen planen dort bis 2030 Investitionen von bis zu 40 Milliarden Dollar, und über 100 Townships hatten schon vor der Wahl Moratorien oder Beschränkungen. Eine Umfrage von ICAPP und SurveyUSA unter 1.650 Erwachsenen fand im Oktober 55 Prozent gegen den Bau und 22 Prozent dafür; bei Steuervergünstigungen für Rechenzentren waren es 65 Prozent gegen und 15 Prozent dafür.
„Mit über 100 Ohio-Townships, die Moratorien oder Beschränkungen beschlossen haben, würde eine starke Wahlbeteiligung gegen den Ausbau den Parlamenten landesweit signalisieren, dass Verbraucherschutz, Transparenz und Netzsicherheit die politische Agenda bestimmen sollten“, sagte Keith Durkin, Soziologieprofessor und Leiter des ICAPP an der Ohio Northern University, gegenüber Fortune.
Anthropic braucht genau diese Grundstücke
Für uns ist das keine US-Innenpolitik, sondern eine Nachricht über Rechenleistung. In Anthropics S-1/A stehen 895 Milliarden Dollar an Rechenzusagen, und die werden nicht in Washington genehmigt, sondern in Gemeinderäten. OpenAI hat seine Rechenzentren vergangene Woche schon in „AI Compute Campuses“ umbenannt und nach den Midterms Tempolimits für starke KI ins Gespräch gebracht. Der Umbenennungsversuch, schreibt Semafor, läuft mit gemischtem Erfolg.
Banken und Vermögensverwalter, die den Ausbau finanzieren, behandeln lokalen Widerstand inzwischen als Kreditrisiko. Dass Google am selben Tag für Anthropics Miete in Kentucky einsteht, passt in dieses Bild.
Zustimmung ist knapper als Strom
Über Monate lief die Debatte über Gigawatt, Netzanschlüsse und Chips. Die eigentliche Knappheit ist eine andere: Ein Campus braucht eine Gemeinde, die ihn haben will. 38 Gemeinden haben am Dienstag gesagt, dass sie das nicht sind, und sie haben es in Satzungstexten festgeschrieben, nicht in Absichtserklärungen. Ein Moratorium lässt sich zurücknehmen, ein Satzungsverbot kostet eine zweite Abstimmung.
Was mich daran interessiert: Diese Entscheidungen sind nicht gegen KI gefallen, sondern gegen Lärm, Stromrechnungen und Wasserverbrauch im eigenen Ort. Wer dort bauen will, gewinnt nicht mit Benchmark-Zahlen.