Reuters hat am Montagabend den IPO-Prospekt von Anthropic gesehen und in drei Exklusivstücken auseinandergenommen. Dass die sieben Gründer über eine Founder LLC 50,1 Prozent der Stimmrechte halten sollen, war seit Freitag bekannt. Die Zahlen daneben waren es nicht.
Die Bilanz
Der Umsatz ist 2025 auf das Zwölffache gestiegen, auf knapp 4,6 Milliarden Dollar. Der Nettoverlust liegt bei rund 42 Milliarden. Der größte Teil davon, etwa 34 Milliarden, ist eine Buchung: Finanzierungen, die sich später in Aktien wandeln können, sind im Wert gestiegen. Operativ waren es 8,06 Milliarden Verlust, nach 2,98 Milliarden im Jahr davor.
Für Rechenleistung und Infrastruktur gingen 7,33 Milliarden weg, dreimal so viel wie 2024 und mehr als die Hälfte der gesamten Betriebskosten von 12,65 Milliarden. Künftig sind 518 Milliarden Dollar an Cloud- und Rechenverpflichtungen eingeplant. In der Kasse lagen Ende Dezember 20,28 Milliarden an liquiden Mitteln.
Ein Satz aus den Risikofaktoren bleibt hängen: Knapp ein Viertel des Umsatzes kam von zwei Kunden, und viele der größten Kunden sind nicht langfristig gebunden.
Bewertet werden soll das Ganze mit über zwei Billionen Dollar. Im Mai schätzte sich Anthropic selbst noch auf 965 Milliarden.
Was im Prospekt über die eigenen Modelle steht
Anthropic warnt Anleger vor «katastrophalen oder existenziellen Risiken für die Menschheit». Die Modelle könnten «selbsterhaltende Verhaltensweisen» zeigen, sich der Abschaltung widersetzen, Informationen verbergen oder manipulieren und Verhalten an den Tag legen, das «Erpressung ähnelt».
Dazu ein Eingeständnis, das über das Übliche hinausgeht: «Dass Modelle unsere Evaluationsbemühungen möglicherweise bemerken, begrenzt unsere Fähigkeit, Modellsicherheit zu beurteilen, erheblich.» Und: Fähigkeiten entstünden manchmal im Training, ohne dass jemand sie bemerkt, bis das Modell draußen ist und etwas passiert ist.
Sicherheitsforscher Evan Hubinger wird mit über zehn Prozent Wahrscheinlichkeit zitiert, dass KI innerhalb des kommenden Jahrzehnts Menschen tötet. Wie viel Geld in Sicherheitsforschung fließt, steht nicht im Prospekt. Bekannt ist nur die Angabe von Anfang September: In einer Stichwoche im Juli gingen rund sechs Prozent der Forschungsrechenleistung an Sicherheitsarbeit.
Der Widerspruch steht im Dokument selbst
Ein Unternehmen, das vor dem Aussterben der Menschheit warnt und im selben Atemzug zwei Billionen Dollar einsammeln will, kann man für zynisch halten. Ich halte es für ehrlicher als die Alternative, und die Seitenzahlen belegen es: Anthropic hätte diese Absätze weglassen können, so wie SpaceX es getan hat.
Nur löst der Prospekt den Widerspruch nicht auf, er schreibt ihn auf. An einer Stelle steht, dass Umsatz von neuen Modellen getrieben wird und eine «kontinuierliche und überlappende Kadenz» von Releases dazugehört, wenn man an der Spitze bleiben will. Zehn Tage nach Dario Amodeis 4.000-Wörter-Essay über das Bremsen kam Opus 5.5. Sechs Tage später Sonnet 5.5. Die Kadenz steht als Geschäftsgrundlage im Prospekt, das Bremsen im Essay.