Morgen wird es ernst. Am 27. Juli legt das chinesische Labor Moonshot die vollständigen Gewichte von Kimi K3 offen — und macht damit ein Modell mit 2,8 Billionen Parametern zum grössten frei verfügbaren Sprachmodell, das es je gab. Zum Vergleich: Das ist rund 75 Prozent grösser als DeepSeeks V4. Der Zeitpunkt ist kein Zufall — er fällt mitten in die Weltbühne der World Artificial Intelligence Conference in Shanghai.
Warum das mehr ist als eine weitere Zahl
Kimi K3 ist ein Mixture-of-Experts-Modell mit nativer Bildverarbeitung. Auf der unabhängigen Rangliste von Artificial Analysis schiebt es sich bereits jetzt an Anthropics Opus 4.8 vorbei. Sobald die Gewichte draussen sind, kann jeder das Modell herunterladen, selbst hosten und weiterbauen. Für die Open-Weight-Bewegung ist das ein Meilenstein — und für die westlichen Labore, die ihre Spitzenmodelle immer stärker abschotten, ein unbequemer Kontrast.
Der Vorwurf — und der Widerspruch
Vor wenigen Tagen hatte Michael Kratsios vom Weissen Haus öffentlich behauptet, Moonshot habe Anthropics Fable-Modell «grossflächig» destilliert, um Kimi K3 zu bauen. Ein schwerer Vorwurf — Diebstahl geistigen Eigentums, so der Tenor.
Jetzt melden sich Fachleute zu Wort, die das anzweifeln. Braden Hancock, Forscher am Laude Institute und Mitgründer von Snorkel AI, bringt es gegenüber TechCrunch auf den Punkt: «So ein starkes Modell bekommst du nicht so schnell allein durch Distillation. Fable ist erst seit dem 1. Juli öffentlich. Du kannst nicht in zwei Wochen so viele Daten abziehen, ein Modell trainieren und es veröffentlichen.»
Mit anderen Worten: Die Rechnung geht zeitlich kaum auf. Wenn Distillation überhaupt eine Rolle gespielt hat, dann höchstens am Rande.
Meine Einordnung
Es wäre bequem zu glauben, dass China nur deshalb aufholt, weil es abkupfert. Diese Erzählung ist beruhigend — und wahrscheinlich falsch. Die unbequemere Wahrheit: Moonshot, Alibaba und Co. bauen inzwischen richtig gute Modelle, mit eigenen Architektur-Ideen wie Kimi Delta Attention. Wer sich hinter dem Distillation-Vorwurf ausruht, wird morgen früh aufwachen und feststellen, dass die offenen Gewichte längst auf jedem Server der Welt laufen. Und dann zählt nicht, wer bei wem abgeschaut hat — sondern wer das Beste daraus macht.
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