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Offene Briefe zur KI-Entwicklung: Wo Anthropic bewusst nicht unterschreibt

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Ein von Microsoft angeführter Brief für Open-Weights-Modelle sammelt 235 Unterschriften — von NVIDIA bis OpenAI. Anthropic fehlt in der Liste und stellt sich mit einer eigenen Position dagegen. Simon Willison hat die Brief-Welle der letzten Wochen sortiert.

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Manchmal sagt eine fehlende Unterschrift mehr als eine geleistete. Simon Willison hat in seinem Newsletter die offenen Briefe der letzten Wochen zusammengefasst — und dabei tritt eine klare Bruchlinie in der Branche zutage, mitten durch die Frage, wie offen KI-Modelle sein dürfen.

Der Microsoft-Brief

Im Zentrum steht «Open Weights and American AI Leadership», angeführt von Microsoft, datiert auf den 24. Juli und unterschrieben von 235 Firmen aus dem KI-Umfeld — darunter NVIDIA, Amazon, Y Combinator, die Linux Foundation und, als späterer Unterzeichner, OpenAI.

Der Brief ist erkennbar ein Gegengewicht zu Überlegungen der US-Regierung, Open-Weights-Modelle aus «Sicherheitsgründen» zu beschränken. Die Kernthese: Sich allein auf geschlossene Modelle zu verlassen, ist nicht automatisch sicherer — auch sie können kompromittiert oder missbraucht werden, und ihre Konzentration bei wenigen Anbietern schafft Single Points of Failure. Bemerkenswert ist ein Detail: Der Brief stellt sich ausdrücklich hinter Distillation, also das Trainieren eines Modells auf den Ausgaben eines anderen — und nennt das eine legitime, altbewährte Technik.

Anthropic fehlt — mit Absicht

Auffällig abwesend in der Unterschriftenliste: Anthropic. Statt mitzuzeichnen, hat das Unternehmen drei Tage später eine eigene Position veröffentlicht. Dario Amodei betont darin das Risiko, dass autoritäre Regierungen mächtigere Modelle bauen könnten als die USA, und dass Modelle für Cyber- oder Bio-Angriffe missbraucht werden. Er fordert ein hartes Vorgehen gegen «Distillation im industriellen Maßstab» — betont aber zugleich, Anthropic habe nie ein Verbot von Open-Weights-Modellen gefordert.

Genau an der Distillation-Frage prallen also zwei Lager aufeinander: Für die einen ist sie normales Handwerk, für Anthropic ein Einfallstor, über das Spitzenfähigkeiten ungewollt abfließen.

Und dann noch «Pacing the Frontier»

Kurz zuvor, am 28. Juli, erschien ein zweiter Brief: «Pacing the Frontier», unterschrieben von 1.324 Mitarbeitenden führender KI-Labore — darunter Namen wie Jakub Pachocki (OpenAI), Ilya Sutskever, Dario Amodei und Jack Clark (beide Anthropic). Ihre Bitte an die US-Regierung: einen internationalen Rahmen zu unterstützen, um das Tempo der automatisierten KI-Entwicklung bewusst zu drosseln. Der Hintergrund ist real — Anthropic gibt an, 80 % des eigenen Codes mit Claude Code zu schreiben.

Meine Einordnung

Es ist faszinierend, wie unterschiedlich dieselben Firmen argumentieren, je nach Brief. Beim Tempo der KI-Forschung zieht Anthropic mit OpenAI an einem Strang. Bei Open Weights und Distillation steht das Unternehmen bewusst allein. Das ist kein Widerspruch, sondern Haltung: mehr Offenheit dort, wo sie Kontrolle und Wettbewerb stärkt — mehr Vorsicht dort, wo Spitzenfähigkeiten unkontrolliert kopiert werden könnten. Ob diese Linie klug ist, wird sich zeigen. Konsequent ist sie allemal.


Quellen: