Reuters hat am 2. Oktober einen weiteren Abschnitt aus Anthropics IPO-Prospekt gelesen, den ungewöhnlichsten bisher. Das Unternehmen warnt, die Haltung der Regierung zu ihm und zu seiner Technologie könne bis in die Beziehungen zu kommerziellen Kunden und Partnern wirken. Behördengeschäft ist dabei der kleinere Teil.
Drei Vorfälle, die im Prospekt stehen
Anthropic nennt konkrete Beispiele aus dem vergangenen Jahr für Handlungen, die dem Geschäft schaden könnten:
- Im Februar hat der Präsident Bundesbehörden angewiesen, die Modelle des Unternehmens nicht mehr zu benutzen.
- Das US-Verteidigungsministerium hat Anthropic als Lieferkettenrisiko für die nationale Sicherheit eingestuft.
- Im Juni hat das Handelsministerium weltweite Exportbeschränkungen für Fable 5 und Mythos 5 verhängt. Anthropic hat die Modelle daraufhin für alle Kunden abgeschaltet, um die Vorgaben einzuhalten. Die Beschränkungen wurden später aufgehoben und die Modelle wieder ausgerollt.
«Dem Unternehmen können wesentliche Umsatzverluste oder Geschäftsunterbrechungen entstehen, die auf diese Ereignisse zurückgehen», heißt es im Prospekt. Und: Solche Maßnahmen könnten «erheblichen Reputationsschaden» anrichten, einschließlich negativer Presse, öffentlicher Prüfung und schlechter Wahrnehmung bei Kunden, Partnern, Beschäftigten und Investoren – unabhängig davon, wie die Sache am Ende ausgeht.
Weniger als ein Prozent
Die Zahl, die den Abschnitt interessant macht, steht daneben: Umsatz aus Verträgen mit Behörden macht weniger als ein Prozent des Jahresumsatzes aus. Ein Vertriebsrisiko ist das hier also nicht. Es geht um die Vermutung, dass eine Regierung, die das Unternehmen schlecht findet, auch dessen Firmenkunden ins Grübeln bringt.
Erst vorgestern ist Claude for Government allgemein verfügbar geworden. Beides steht jetzt nebeneinander: ein Produkt für Behörden, und ein Prospekt, der Behörden als Reputationsrisiko führt.
Warnungen sind im Prospekt normal, diese nicht
Reuters zieht den Vergleich zu SpaceX, das in seiner IPO-Unterlage ebenfalls gute Regierungsbeziehungen als geschäftskritisch bezeichnet hat. Bei Auftragnehmern ist das Routine. Anthropics Fassung geht weiter: Sie reicht über das direkte Geschäft hinaus bis zu Kunden, Partnern und Zivilisation. Dieselbe Unterlage warnt, fortgeschrittene KI könne «katastrophale oder existenzielle Risiken für die Menschheit» bergen – geschrieben von einem Unternehmen, das mit zwei Billionen Dollar an die Börse gehen will, um an derselben Technologie zu verdienen.
Dazu passt der Rest der Woche. Dario Amodei hat am Sonntag mit Präsident Trump zu Abend gegessen, Trump lehnt eine Bremse weiter ab, und die FTC untersucht die Branche einschließlich Anthropic.
Ein Risikofaktor, der die eigene Position beschreibt
Ein Risikokapitel ist der Ort, an dem ein Unternehmen aufschreiben muss, was es sich selbst nicht gern sagt. Hier steht: Wir sind politisch angreifbar, und das färbt auf Kunden ab, die mit Politik nichts zu tun haben.
Alle drei Vorfälle liegen im vergangenen Jahr, und zweimal stand dabei die Frage im Raum, ob Anthropics Modelle überhaupt laufen durften. Der Juni-Fall ist der aufschlussreichste: Eine Exportauflage hat Anthropic dazu gebracht, zwei Modelle für sämtliche Kunden weltweit abzuschalten. Das ist die Art Abhängigkeit, die ein Firmenkunde beim Auswählen eines Anbieters mitlesen sollte, und genau deshalb steht sie im Prospekt.
Quellen: