Das Wall Street Journal hat am Donnerstagabend eine Exklusivmeldung gebracht, die das größte offene Vorhaben von Anthropic betrifft: Große Investoren halten die erwartete Bewertung von 1,5 Billionen Dollar zunehmend für nicht erreichbar. Der Grund ist nicht das Unternehmen, sondern der Markt. Die Wetten auf KI werden gerade abgewickelt, und der Ausverkauf war tief.
Vier Autorinnen und Autoren zeichnen den Text, Quelle sind Personen, die mit der Sache vertraut sind. Die Unterzeile sagt den Kern in einem Satz: Anthropic könnte eine deutlich niedrigere Bewertung ansetzen müssen als erwartet.
Was am Zeitplan hängt
Anthropic will den Börsengang in der Woche vor Thanksgiving stellen. Erwartet wird eine Emission von bis zu 100 Milliarden Dollar, bei einer Bewertung um 1,5 Billionen. Diese Zahl steht seit Mitte Oktober im Raum; über die 1,5 Billionen habe ich damals geschrieben, und sie hat seither jede Meldung zum S-1 begleitet.
Jetzt liegt zwischen Ankündigung und Zeichnung eine Woche, in der die Nachfrage nach KI-Papieren gedreht hat. Das Journal fasst den 5. November in der eigenen Börsenberichterstattung so zusammen: Der Nasdaq fällt um fünf Prozent, weil Investoren sich nach der Wahl aus dem KI-Handel zurückziehen. Die Richtung passt zu den Beschlüssen gegen Rechenzentren, die aus den Zwischenwahlen hervorgegangen sind.
Warum das nicht nur Stimmung ist
Ein Emissionspreis entsteht nicht aus dem Prospekt, sondern aus dem, was Investoren in der Zeichnungswoche zu zahlen bereit sind. Bei einem Volumen von bis zu 100 Milliarden Dollar braucht es dafür nicht ein paar Enthusiasten, sondern die großen Adressen, und genau die sind laut dem Bericht skeptisch.
Anthropic hat in den vergangenen Wochen selbst beschrieben, wie viel von diesem Geld schon verplant ist. Im S-1/A stehen 17 Milliarden Dollar Rechenzusagen für das dritte Quartal, und die Risikofaktoren nennen die eigene RSI-Schwelle. Ein Unternehmen mit solchen Zusagen verschiebt einen Börsengang nicht beliebig.
Die Zahl, die zählt, steht noch nicht fest
Bis zur Preisfestsetzung ist die 1,5 Billionen eine Erwartung, keine Bewertung. Wer sie zitiert, zitiert eine Spanne, die zwei Wochen alt ist und aus einem anderen Markt stammt. Interessant wird deshalb weniger, ob Anthropic an die Börse geht, als mit welcher Zahl – und ob der Termin vor Thanksgiving hält.