Anthropic will im November an die Börse. Bis diese Woche gingen Investoren von einer Bewertung um zwei Billionen Dollar aus. Nach dem Investorentag am Mittwoch in San Francisco kursiert eine andere Zahl: rund 1,5 Billionen. Das berichtet Reuters unter Berufung auf vier Personen, die mit der Sache vertraut sind; drei davon saßen bei dem Treffen dabei.
Das Quartal war gut, die Kurve nicht
Die Zahlen selbst sind keine schlechten Zahlen. Anthropic hat den künftigen Anlegern einen Quartalsumsatz von 16,8 Milliarden Dollar vorgelegt, 45 Prozent mehr als im Vorquartal, und erstmals einen bereinigten Gewinn. Über den Q3-Bericht habe ich gestern geschrieben.
Der Vergleich macht das Problem. Von Q1 auf Q2 hatte sich der Umsatz mehr als verdoppelt, auf 11,6 Milliarden. Von Q2 auf Q3 kamen 45 Prozent dazu. Beides sind Wachstumsraten, von denen fast jedes andere Unternehmen träumt – aber wer eine Bewertung von zwei Billionen rechtfertigen will, rechnet mit der ersten Kurve und nicht mit der zweiten. Genau diese Verlangsamung hat laut Reuters einen Teil der Anwesenden enttäuscht.
Wer im Raum saß
Es waren überwiegend die prominentesten Geldgeber des Hauses. Sie trafen Dario Amodei und Finanzchef Krishna Rao. Anthropic hat sich zu dem Bericht nicht geäußert. The Information hatte vorher gemeldet, dass Investoren über eine niedrigere Bewertung nachdenken; Reuters nennt nun erstmals die Größenordnung.
Dazu kommt das Umfeld. Die Technologiewerte haben diese Woche nachgegeben, Rechenzentrumsbetreiber und Neoclouds wie CoreWeave stehen unter Druck, SB Energy hat seinen Börsengang verschoben, Holtec Nuclear ihn ganz zurückgezogen. Und Anthropic selbst hat sich verpflichtet, über zehn Jahre mindestens 518 Milliarden Dollar für Cloud, Rechenleistung und Infrastruktur auszugeben.
Dieser Börsengang trägt mehr als sich selbst
Eine halbe Billion weniger ist auf dem Papier ein Rückschlag, auf den Anthropic gut verzichten könnte. Interessanter ist, was daran hängt: Viele Investoren sehen den weiteren Verlauf des KI-Markts an diesem einen Börsengang hängen, und danach an einer möglichen OpenAI-Notierung im nächsten Jahr. Ein kühler Empfang im November wäre also kein Anthropic-Thema, sondern ein Marktthema.
Mir fällt dabei auf, wie schnell sich der Maßstab verschoben hat. Ein Unternehmen, dessen Umsatz im Vorjahr um das Zwölffache auf knapp 4,6 Milliarden gestiegen ist, legt ein Quartal mit 45 Prozent Plus vor und gilt damit als Enttäuschung. Das sagt weniger über Anthropic als über die Erwartungen, die inzwischen in diese Papiere eingepreist sind.