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Virologen widersprechen Anthropics Biowaffen-Bericht

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Anthropic hat fünf Fälle beschrieben, in denen Forscher Claude für heikle Arbeit an Viren und Toxinen genutzt haben. Ein Virologe von Scripps hält das meiste davon für ganz normale Grundlagenforschung.

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Über Anthropics Bedrohungsbericht habe ich vor zwei Tagen geschrieben. Seit Sonntag gibt es die andere Hälfte der Geschichte: «Science» hat Virologen und Biosicherheitsforscher gefragt, was sie von den fünf Biologie-Fällen halten. Die Antworten gehen weit auseinander.

Worum es geht

Drei der fünf Fälle drehen sich um Viren. Im Mai schrieb Claude einem Team einen Förderantrag für ein Projekt, das Mutationen im Chikungunya-Virus finden sollte – solche, die es besser verbreiten und dem Immunsystem entkommen lassen. Aus den Prompts ging hervor, dass die Forscher diese Viren bauen und in Tieren testen wollten. Ebenfalls im Mai half Claude, Experimente an einer hochpathogenen Vogelgrippe-Variante zu planen: Mutationen, die das Virus an Säugetiere anpassen. Im dritten Fall ging es um ein Orthopoxvirus, das in Mäusen weniger krank machen sollte.

Fall vier war ein Atlas von Gift-Toxinen für ein Medikamentenprogramm, aus öffentlich zugänglichen Daten. Fall fünf das computergestützte Umdesignen von Toxinen.

Anthropic nennt die Chikungunya-Arbeit «highly concerning gain-of-function research», die Vogelgrippe-Experimente Forschung an einem Erreger mit erhöhtem Pandemiepotenzial. Letzteres ist in den USA unter den neuen Regeln der Trump-Regierung nicht mehr erlaubt.

Der Widerspruch

Kristian Andersen, Virologe und Evolutionsbiologe bei Scripps Research, hat das auf Bluesky abgeräumt: Die meisten, wenn nicht alle Experimente seien «just basic research». Gegenüber «Science» wird er konkreter. Es gehe um Mutationen, die in der Natur längst vorkommen. Weil man solche Viren schwer lebend isolieren kann – meist kennt man sie nur aus Sequenzen –, setzen Virologen sie routinemäßig in ein abgeschwächtes Backbone oder in ein Pseudovirus, das sich gar nicht vermehren kann. Klingt gruselig, sagt Andersen, ist aber ganz normale biologische Forschung und in Hochsicherheitslaboren sicher durchführbar. Er verweist auf ein Paper von 2023, an dem er selbst mitgeschrieben hat: dasselbe Vorgehen, nur mit Zika.

Gregory Koblentz von der George Mason University argumentiert ähnlich. Alle im Bericht behandelten Erreger seien irgendwo endemisch und aktuelle Gesundheitsbedrohungen. Daran zu forschen sei für sich genommen nicht verdächtig.

Filippa Lentzos vom King’s College London will keinem der beiden Lager folgen: «I would resist both extremes in interpreting these cases.» Gigi Gronvall von Johns Hopkins, die Anthropic beraten hat, am Bericht aber nicht beteiligt war, nennt manche Reaktionen im Netz «overheated». Beide halten die Veröffentlichung trotzdem für nützlich, weil sie eine Debatte anstößt, die es so noch nicht gab.

Dagegen steht Andrew Weber vom Council on Strategic Risks, der den Bericht vorab lesen durfte. Er sprach gegenüber der «New York Times» von «chilling examples of state-sponsored biological weapons developers». Und Ashish Jha, der die Corona-Politik der Biden-Regierung mitgestaltet hat, schrieb auf X: «We won’t get five more warnings before something bad happens.»

Warum ich das lese

Ich habe den Bericht am Samstag vor allem als Sicherheitsmeldung gelesen. Die Virologen lesen ihn als Fachtext, und da fällt er auseinander.

Andersens eigentlicher Einwand steht deshalb auch nicht in der Virologie. Er sagt sinngemäß: Firmen wie Anthropic können selbst entscheiden, welche Forschung sie für gefährlich halten, und sie dann abschalten. Genau das ist passiert – Konten gesperrt, Zugänge dicht. Fünf Forschungsgruppen, deren Arbeit mindestens zwei Fachleute für Routine halten, hat ein Anbieter aus Kalifornien aus dem Verkehr gezogen.

Anthropic hat gute Gründe gehabt: verschleierte Herkunft, Umgehungsversuche nach der Sperre, ein Institut mit Militäranbindung. Das steht im Bericht und wiegt schwer. Aber die Entscheidung selbst hat niemand geprüft, und es gibt auch kein Verfahren dafür. Ausgerechnet Dario Amodei hat zwei Tage später ein Verbot biologischer Waffenentwicklung als etwas genannt, worauf sich Staaten einigen könnten. Solange sie es nicht tun, entscheidet das der Anbieter. Das ist keine gute Lösung, aber im Moment ist es die einzige, die es gibt.

Quellen:

AnthropicSicherheitForschungClaude