Amazon hat gestern auf seiner Verkäuferkonferenz Accelerate in Seattle ein Plugin vorgestellt, mit dem Händler ihr Amazon-Geschäft aus Claude heraus führen können. Bestände prüfen, Preise anpassen, Angebote ändern — ohne Seller Central zu öffnen.
«Unsere Vision war, dass sie sich nie mehr bei Seller Central anmelden müssen», sagt Mary Beth Westmoreland, bei Amazon für die weltweite Verkäufererfahrung zuständig. «Wir bringen es einfach dorthin, wo sie arbeiten.»
60 Sekunden, kein Code
Das Plugin startet zuerst mit Amazons eigenem Assistenten Quick und in der Beta mit Claude. Es zieht Angebote, Lagerbestände, Verkaufsanalysen und Leistungskennzahlen in den externen Assistenten, der dann auf dem Konto dieselben Dinge tun kann wie der Seller Assistant innerhalb von Seller Central. Verkäufer wählen aus, welche Datenarten das Plugin erreichen darf, und geben jede Aktion einzeln frei. Andere Geschäftsdaten im Assistenten des Verkäufers sieht Amazon nach eigener Aussage nicht.
Die Beta läuft in den US-Shops, international soll es folgen. Weitere Integrationen sollen nachkommen: «Wir haben das so gebaut, dass es modular genug ist, um weitere Plugins zu veröffentlichen», sagt Westmoreland.
Der Seller Assistant bekommt ein Gedächtnis
Parallel baut Amazon den Seller Assistant selbst um. Er merkt sich jetzt die Preismuster, Lagerzyklen und Wachstumsziele eines Händlers über Sitzungen hinweg — und dieses Gedächtnis wandert mit, egal ob jemand in Seller Central, in Quick oder in Claude arbeitet. Dazu kommen Workflows, die im Hintergrund laufen und Routinearbeiten wie Nachbestellungen und Preisanpassungen erledigen, mit vollständigem Prüfpfad und Leitplanken, die der Verkäufer selbst setzt. Und ein Canvas: eine visuelle Fläche, die aus den Livedaten entsteht und sich neu zeichnet, wenn man nachfragt.
Der Unterbau ist Amazon Bedrock mit Claude-Modellen. Amazon betont, die Verkäuferdaten blieben dabei in der eigenen Infrastruktur. Amazon ist einer der größten Investoren bei Anthropic, und Claude treibt den Seller Assistant schon seit einer Weile an.
Obendrauf gibt es für jeden Hauptkontoinhaber weltweit ein Jahr Amazon Quick Plus gratis, buchbar bis zum 31. Dezember 2026, zwei weitere Mitarbeitende inklusive.
Warum das für Amazon teurer ist, als es klingt
Die Zahlen dahinter erklären, warum Amazon hier vorsichtig vorgeht. Unabhängige Händler machen weltweit mehr als 60 Prozent der verkauften Einheiten aus, und die Gebühren, die Amazon ihnen berechnet, brachten im zweiten Quartal 46,8 Milliarden Dollar — mehr als AWS. Das Werbegeschäft, zu dem die gesponserten Platzierungen der Händler gehören, kam auf 19,8 Milliarden, ein Plus von 26 Prozent.
Genau diese Gebühren stehen im Kartellverfahren der FTC gegen Amazon. Die Behörde wirft dem Konzern vor, Händler zu überteuerten Konditionen zu zwingen und sie zu bestrafen, wenn sie anderswo billiger anbieten; Werbung sei «praktisch notwendig» geworden, um überhaupt Geschäfte zu machen. Amazon bestreitet das. Der Prozess beginnt im März 2027 in Seattle.
Amazon entscheidet weiter, wer reindarf
Das Plugin ist eine echte Öffnung: Zum ersten Mal hängt ein fremder Assistent offiziell an Amazons Verkäuferwerkzeugen. Nur entscheidet Amazon weiterhin, welche Plattformen unterstützt werden — und das wenige Tage, nachdem der Konzern Metas Einkaufsagenten Muse aus dem eigenen Shop verbannt hat. Fremde Agenten müssten sich zu erkennen geben und die Regeln der Seiten befolgen, die sie nutzen, sagt Amazon.
Für Claude-Nutzer ist das trotzdem eine der handfesteren Integrationen der letzten Monate. Nicht, weil die Technik neu wäre, sondern weil dahinter ein Konto mit echtem Geld steht. Wer seinen Agenten Preise ändern lässt, merkt Fehler auf der Abrechnung.