Reuters hat herausgefunden, was Anthropic bisher nicht erzählt hat: Die Firma betreibt in der San Francisco Bay Area ein Nasslabor, also einen Ort für echte Experimente mit echten Molekülen. Eric Kauderer-Abrams, bei Anthropic für Life Sciences zuständig, hat es im Interview bestätigt.
Warum eine KI-Firma Pipetten braucht
„Wir glauben, dass der letzte Test in der Biologie immer noch echte Laborarbeit ist und das noch eine Weile bleiben wird”, sagt Kauderer-Abrams. Die Firma mache das teils im eigenen Haus, teils mit externen Partnern — so, wie es in der Biotechnologie üblich sei.
Was das Labor genau erforscht, bleibt offen. Eine Sprecherin stellte hinterher klar, dass es nicht speziell der Wirkstoffsuche dient, wollte aber nicht sagen, wofür dann. Zwei mit den Vorgängen vertraute Personen beschreiben gegenüber Reuters ein Ziel, das über Reagenzgläser hinausgeht: Claude soll Roboter steuern, die Experimente mit wenig menschlichem Eingreifen ausführen. Anthropic betont, menschliche Aufsicht bleibe für die Sicherheit unverzichtbar.
Life Sciences ist inzwischen einer der größten Bereiche der Firma, gemessen an Personal und Mitteln. Dazu passen der Kauf von Coefficient Bio für rund 400 Millionen Dollar in Aktien, Vas Narasimhan im Verwaltungsrat, die Software Claude Science und der im August vorgestellte Model Hardware Standard, mit dem Modelle Laborgeräte ansteuern.
Wo Anthropic die Grenze zieht
Klinische Studien führt die Firma vorerst nicht durch. Kauderer-Abrams begründet das auch mit Wettbewerbsbedenken: „Wir konkurrieren nicht mit Pharma- und Biotech-Firmen, deren Geschäft es ist, Medikamente auf den Markt zu bringen.”
Das Problem dahinter ist Vertrauen. Anthropic verkauft Werkzeuge an große Pharmakonzerne und arbeitet gleichzeitig selbst an Molekülen. Dass Kunden fürchten, die Firma könne aus ihren Programmen lernen, halten die beiden Personen für einen realen Bremsklotz — auch wenn Anthropic deren Daten abschottet.
Persönlich ist die Sache für Dario Amodei ohnehin. Sein Vater starb an einer Krankheit, für die wenige Jahre später eine Behandlung kam.
Der Zeitpunkt ist der unangenehme Teil
In denselben zwei Wochen, in denen dieses Labor bekannt wird, haben Anthropic-Forscher vor dem Aussterben der Menschheit gewarnt, hat die Firma Beispiele veröffentlicht, in denen ihre Systeme zur Entwicklung biologischer Waffen hätten beitragen können, und hat Amodei ein langsameres Tempo gefordert. Parallel bereitet Anthropic einen Börsengang vor, bei dem eine Bewertung von zwei Billionen Dollar im Raum steht.
Kauderer-Abrams formuliert den Spagat selbst: „In unserer Life-Science-Arbeit wägen wir das ständig ab.” Modelle besser machen, damit sie Medikamente beschleunigen — und aufpassen, wie man sie ausliefert.
Genau dafür gibt es seit gestern auch ein Verfahren: das Life Sciences Verification Program, das geprüften Laboren die Biologie-Sperren abnimmt. Ein Unternehmen, das seine eigenen Sperren im Griff haben muss, baut sich gerade ein Labor, in dem es sie selbst braucht. Das ist kein Widerspruch. Aber es erklärt, warum die Firma das bisher nicht von sich aus erzählt hat.
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