Das Anthropic Institute hat am 16. Oktober „The AI Expectations Gap“ veröffentlicht, einen technischen Bericht über zwei Umfragen aus dem August 2026. Befragt wurden eine für die USA repräsentative Stichprobe von 10.980 Erwachsenen und die Belegschaft von Anthropic. Autoren sind Szymon Sacher, Tess Cotter, Charles I. Jones, Anton Korinek und Peter McCrory.
Der Befund in einem Satz: Beide Gruppen sind sich weitgehend einig, was KI heute kann. Beim Tempo gehen sie auseinander. Eine Entdeckung auf Nobelpreis-Niveau halten bis 2030 39 Prozent der US-Erwachsenen für möglich und 91 Prozent der Anthropic-Leute. Je nach Aufgabe sagen zwischen 19 und 40 Prozent der Erwachsenen, KI werde das nie können. In der Belegschaft sind es höchstens 2 Prozent.
Beim eigenen Job wird der Abstand größer
Im Schnitt erwartet die Belegschaft, dass KI bis 2030 75 Prozent ihrer heutigen Arbeit erledigen kann. US-Beschäftigte sagen 28 Prozent. Über die Hälfte der Anthropic-Leute erwartet mindestens 80 Prozent, bei den US-Beschäftigten sind es 5 Prozent. Beim Zeitgewinn dasselbe Bild: Von den Erwachsenen, die KI bei der Arbeit nutzen, sagen 26 Prozent, eine passende Aufgabe dauere damit höchstens ein Viertel der Zeit. In der Belegschaft sagen das 59 Prozent.
Bei der Verbreitung ist der Abstand kleiner. Von den Aufgaben, die KI bis 2030 übernehmen könnte, werden nach Einschätzung der Erwachsenen 42 Prozent tatsächlich mit KI gemacht, nach Einschätzung der Belegschaft 65 Prozent. Als größte Hindernisse nennen die Erwachsenen nicht die Technik: zuerst Kunden, die lieber mit Menschen zu tun haben, dann Datenschutz und Sicherheit, dann mangelnde Zuverlässigkeit, dann Gesetze und Haftung.
Wie viel am Modellbau die Modelle machen
Interessanter als die Prozentzahlen über andere Leute ist die Selbstauskunft. Gefragt, welchen Anteil der Arbeit am Bau eines Frontier-Modells von Anfang 2026 heute KI übernimmt, liegt die mittlere Antwort der Belegschaft bei 51 Prozent. Für Ende 2027 nennt sie 80, für Ende 2030 95 Prozent. Leute in Forschungsteams schätzen den heutigen Anteil höher ein, 60 Prozent gegen 53 bei allen anderen. Anthropic betont, dass das persönliche Schätzungen aus einer internen Umfrage sind, keine Messung und keine Firmenprognose. Dass Jack Clark die volle rekursive Selbstverbesserung von 2028 auf 2027 vorgezogen hat, passt ins Bild, und die Zahlen zur Beschäftigung im eigenen Haus kamen am selben Tag.
Wer KI täglich nutzt, denkt wie das Labor
Der stabilste Zusammenhang der Studie läuft nicht zwischen den Gruppen, sondern durch sie hindurch. Wer erwartet, dass KI mehr von der eigenen Arbeit übernimmt, erwartet auch höhere Arbeitslosigkeit, und bei gleichem erwarteten Automatisierungsgrad nennen Belegschaft und Bevölkerung etwa dieselbe Quote. Unter den Erwachsenen, die KI regelmäßig bei der Arbeit nutzen, erwarten 56 Prozent, dass KI bis 2030 mindestens sieben der acht genannten Aufgaben beherrscht. Über alle Erwachsenen sind es 41 Prozent, unter denen, die noch nie ein KI-Werkzeug benutzt haben, 28.
Die Lücke ist also weniger eine Frage von Optimismus als von Erfahrung. Durch das Modell aus „Economic Scenarios for Transformative AI“ gerechnet, implizieren schon die Antworten des mittleren US-Erwachsenen ein Wachstum von mehr als dem Doppelten des üblichen. Die Erwartungen der Belegschaft implizieren, dass sich das BIP ab 2030 etwa alle viereinhalb Jahre verdoppelt. Anthropic selbst zieht daraus den vorsichtigen Schluss, die öffentliche Erwartung werde sich verschieben, sobald KI anderswo so viel Arbeit übernimmt wie im Labor. Das ist eine freundliche Lesart. Die unfreundliche: Die Leute, die das Tempo bestimmen, sind auch die, die am wenigsten repräsentativ dafür sind, wie der Rest arbeitet.