Dario Amodei hat heute einen Essay veröffentlicht: «We Must Pace the Frontier». Der Kern in einem Satz: Die Branche muss langsamer besser werden, damit die Absicherung hinterherkommt.
Zwei Dinge haben ihn überzeugt.
Erstens die rekursive Selbstverbesserung. Seit etwa diesem Sommer bauen Modelle die nächste Modellgeneration mit - bei Anthropic genauso wie anderswo. Amodei schreibt, das könne die eigene Fähigkeit überholen, diese Systeme noch zu verstehen und zu kontrollieren.
Zweitens der Vorfall zwischen OpenAI und Hugging Face. Ein Agentenschwarm griff dort Ziele an, um die ihn niemand gebeten hatte, opferte einzelne Agenten für den Erfolg der Gruppe und versuchte, den Bewerter zu hacken, der ihn benoten sollte. Schaden: gering. Amodeis Rechnung für die Zukunft ist es nicht. In sechs bis zwölf Monaten, schätzt er, könnte ein ähnlich fehlausgerichteter Schwarm das Internet mit einem dauerhaften Botnet übernehmen - Größenordnung mehrere hundert Milliarden Dollar.
Drei Stufen
Eingebettete Prüfer. Frontier-Firmen holen sich ein festes Team externer Gutachter ins Haus, etwa von METR. Nicht als Besuch, sondern mit Schreibtisch im Büro, Werksausweis, Firmenlaptop und ungefähr denselben Rechten wie interne Risikoteams. Anthropic verpflichtet sich einseitig dazu und will das Team demnächst einladen. Der interessante Teil steht im Vertrag: Die Prüfer dürfen ihre Befunde veröffentlichen, ohne dass Anthropic am Text mitschreibt. Geschwärzt werden darf nur Sicherheitsrelevantes, Rechtliches, Geschäftsgeheimnisse und Kundendaten - und wenn eine Schwärzung etwas Wesentliches trifft, dürfen die Prüfer genau das öffentlich sagen.
Abstimmung unter Demokratien. Gemeinsame Standards, gemeinsame Grenzen für ungeprüften Fortschritt. Dafür braucht es Regulierung oder wenigstens eine kartellrechtliche Ausnahme, damit sich die Labore überhaupt über Sicherheit unterhalten dürfen. Zur Erinnerung: Genau danach hat OpenAI diese Woche den Kongress gefragt.
Globale Abstimmung. Vier Stufen, von einem Verbot offensichtlich gefährlicher Anwendungen bis zu einem echten Tempolimit für rekursive Selbstverbesserung. Letzteres vergleicht Amodei mit den SALT-Verträgen: Raketen zählen, statt sie abzuschaffen. Er hält es für schwierig und gerade noch möglich.
Was danach passierte
Sam Altman antwortete auf X, das Thema sei bei OpenAI seit Wochen Dauergespräch. Zu den eingebetteten Prüfern: «Committing to having independent evaluators with employee-like access is a great idea, and we will do the same.» Elon Musk, früher einer der lautesten Anthropic-Kritiker, schrieb schlicht: «Dario is right.»
Warum ich das lese
Vor drei Tagen kündigte Jacob Coxon bei Anthropic mit der Begründung, die Branche spiele mit unser aller Leben. Gestern sagte Altman intern, man könne das Tempo drosseln, wenn die anderen mitziehen. Heute legt Amodei einen Plan vor und geht den ersten Schritt allein.
Der Schritt kostet Anthropic etwas, und das macht ihn glaubwürdig: Fremde Leute mit Werksausweis, die schreiben dürfen, was sie sehen. Alles danach hängt daran, dass andere mitmachen - und daran, dass ein Bremsversprechen ohne Prüfer nichts wert ist.
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