Anthropics Frontier Red Team hat am 28. Juli ein Ergebnis veröffentlicht, das mich ehrlich beeindruckt — und ein bisschen nachdenklich macht. Mit Claude Mythos Preview haben die Forscher nicht bloss Bugs in Krypto-Software gefunden, sondern mathematische Schwächen in den Algorithmen selbst. Das ist ein qualitativer Sprung.
Vom Implementierungsfehler zum Bruch im Verfahren
Bisher galt: Mythos ist gut darin, Fehler in der Umsetzung zu finden — also Stellen, an denen Programmierer eine Verschlüsselung falsch eingebaut haben. Das ist gefährlich, aber reparierbar. Jetzt geht es eine Ebene tiefer. Mythos hat Wege gefunden, die zugrunde liegende Mathematik anzugreifen.
Zwei Ergebnisse
Das erste betrifft HAWK, ein digitales Signaturverfahren, das für eine Welt mit Quantencomputern gebaut wurde. HAWK ist einer der Drittrunden-Kandidaten aus dem NIST-Aufruf für post-quantensichere Verfahren von 2022. Trotz zwei Jahren und zwei Runden Prüfung durch menschliche Experten verbesserte Mythos den besten bekannten Angriff in nur 60 Stunden — und halbierte damit faktisch die Schlüsselstärke.
Das zweite ist ein neuer Angriff auf round-reduced AES, die runden-reduzierte Variante des weltweit meistgenutzten symmetrischen Verschlüsselungsverfahrens. Beim HAWK-Ergebnis arbeitete ein Forscher mit Claude zusammen; für den AES-Angriff baute ein anderer ein Scaffold, mit dem Claude die Attacke vollständig autonom fand. Jeder Durchlauf kostete rund 100.000 Dollar an API-Kosten.
Wichtig, und das betont Anthropic deutlich: Beide Angriffe sind substanzielle Forschungsfortschritte, aber keine Gefahr für Produktivsysteme. Deine Bank und dein E-Mail-Konto sind heute nicht betroffen.
CryptanalysisBench
Nebenbei ist ein neuer Benchmark entstanden. Zusammen mit Forschern der ETH Zürich, der Universität Tel Aviv und der Universität Haifa hat Anthropic CryptanalysisBench gebaut — eine Sammlung von Chiffren, mit der sich die kryptoanalytischen Fähigkeiten von LLMs messen lassen.
Meine Einordnung
Der spannendste Satz steckt in den Details: Simon Willison hat die geteilten Prompts hervorgehoben, in denen das Modell immer wieder ermutigt werden musste, nicht aufzugeben und «etwas zu finden, das eine Veröffentlichung wert ist». KI-gestützte Kryptoanalyse ist also noch kein Knopfdruck — aber sie funktioniert. Das schneidet in beide Richtungen: Verteidiger können Verfahren früher härten, Angreifer bekommen aber ein mächtiges neues Werkzeug. Und für die Post-Quanten-Standardisierung ist es ein Weckruf: Wenn ein Modell in 60 Stunden schafft, was zwei Jahre Expertenprüfung übersahen, sollte jeder Kandidat künftig auch durch die KI-Mühle.
Quellen: