Die Europäische Union bekommt Zugang zu OpenAIs Cyber-Modell GPT-5.5-Cyber. Anthropics Mythos bleibt dagegen hinter verschlossenen Türen. Das berichtet CNBC am Sonntag — und die Geschichte erzählt viel über die unterschiedlichen Strategien der beiden KI-Giganten.
OpenAI öffnet die Tür
OpenAI hat angekündigt, europäischen Partnern Zugang zu GPT-5.5-Cyber zu gewähren. Dazu gehören Unternehmen, Regierungen, Cyber-Behörden und EU-Institutionen wie das EU AI Office. In den USA war das Modell seit letzter Woche nur für verifizierte Sicherheitsforscher verfügbar — jetzt wird der Kreis deutlich erweitert.
Das ist ein kluger Schachzug. Die EU arbeitet intensiv an KI-Regulierung, und wer den Regulierern früh Zugang gibt, kann die Diskussion mitgestalten. OpenAI positioniert sich damit als kooperativer Partner — ein Image, das dem Unternehmen nicht immer leicht fällt.
Anthropic hält Mythos zurück
Anthropics Mythos wurde vor einem Monat vorgestellt und hat seitdem die Cybersecurity-Branche in Aufruhr versetzt. Das Modell hat allein im Firefox-Browser fast 300 Schwachstellen gefunden, die Gesamtzahl über alle Software hinweg geht in die Zehntausende.
Genau das macht die Sache kompliziert. Anthropic hat Mythos bewusst nur einem kleinen Kreis zugänglich gemacht — aus Angst, dass Angreifer das Modell für Cyberattacken missbrauchen könnten. CEO Dario Amodei hat wiederholt von einem ‘Moment der Gefahr’ gesprochen.
Die EU-Kommission verhandelt zwar mit Anthropic über einen Zugang, aber die Gespräche befinden sich laut CNBC in einem ‘anderen Stadium’ als die mit OpenAI. Übersetzt: Es dauert noch.
Zwei Strategien, ein Dilemma
OpenAI und Anthropic stehen vor demselben Problem: Ihre Modelle können sowohl Verteidigern als auch Angreifern helfen. Aber sie gehen komplett unterschiedlich damit um.
OpenAI setzt auf Offenheit und Zusammenarbeit mit Behörden. Anthropic setzt auf Vorsicht und kontrollierte Freigabe. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung — und beide haben blinde Flecken.
Die spannende Frage ist: Was passiert, wenn die EU Anthropic unter Druck setzt? Der AI Act gibt den europäischen Regulierern durchaus Hebel. Und ein Modell, das Tausende von Schwachstellen findet, aber nur für eine Handvoll Unternehmen zugänglich ist, passt nicht besonders gut zum europäischen Ideal der digitalen Souveränität.
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