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Gespräche mit meiner PV-Anlage

Ich wollte mich mit meiner Photovoltaikanlage über das Wetter unterhalten. Was als absurde Idee begann, wurde mein Einstieg in die Welt der MCP Server – und brachte mir überraschende Erkenntnisse über meine Batterie.

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Ich wollte mich mit meiner PV-Anlage über das Wetter unterhalten.

Klingt absurd? Ist es auch. Aber genau so hat alles angefangen.

Eine neue Anlage und eine Entdeckung

Im April 2025 bekamen wir eine Photovoltaikanlage aufs Dach. Ein FoxESS Wechselrichter, Batteriespeicher, das volle Programm. Dazu gehört ein Kundenportal, in dem man Live-Daten und historische Werte einsehen kann. Produktion, Verbrauch, Einspeisung, Autarkie – alles hübsch aufbereitet in Diagrammen.

Beim Herumklicken im Portal fiel mir auf: Es gibt eine API. Eine richtige REST-Schnittstelle, über die man alle Daten programmatisch abrufen kann. Man konnte sich sogar einen API-Key generieren lassen.

Das war der Moment, in dem es in meinem Kopf klickte.

Die Idee

Was wäre, wenn ich Claude Zugriff auf diese Daten geben könnte? Nicht über Copy-Paste, sondern direkt. Ein Sprachmodell, das meine Anlage kennt. Das weiß, wie viel Strom gerade produziert wird. Wie voll die Batterie ist. Was gestern los war.

Und dann dachte ich: Es wäre extrem lustig, wenn ich mich mit meiner PV-Anlage über das Wetter unterhalten könnte. Die Anlage weiß ja eigentlich ziemlich genau, wie die Sonne scheint – sie misst es permanent.

Eine alberne Idee. Aber eine, die mich nicht mehr losließ.

Der Weg zu MCP

Ich hatte schon von MCP Servern gehört. Model Context Protocol – ein Standard, der es Sprachmodellen ermöglicht, auf externe Daten und Werkzeuge zuzugreifen. Aber ich hatte noch keinen selbst gebaut.

Das schien mir der perfekte Anlass.

Also setzte ich mich mit Claude zusammen und arbeitete ein Konzept aus. Was soll der Server können? Welche Daten sind interessant? Wie strukturiert man das Ganze? Claude half mir, die API zu verstehen, die richtigen Endpunkte zu finden und den Code zu schreiben.

Und dann – das hatte ich nicht erwartet – funktionierte es auf Anhieb.

Der erste Aufruf. Echte Daten von meinem Wechselrichter. Live im Chat.

Was plötzlich möglich war

Mit dem MCP Server kann sich Claude jetzt alle möglichen Daten von meiner Anlage holen. Echtzeit-Werte: Was produziert die Anlage gerade? Wie voll ist die Batterie? Wie viel speise ich ein, wie viel verbrauche ich? Historische Daten: Was war gestern? Letzte Woche? Im ganzen letzten Monat?

Aber das Spannendste sind die Berechnungen, die das System selbst gar nicht anbietet.

Zum Beispiel die Batterie-Effizienz. Die Differenz zwischen dem, was ich reinlade, und dem, was ich wieder rausbekomme. Bei jedem Lade- und Entladezyklus gibt es Verluste – Wärme, Umwandlung, Standby-Verbrauch. Aber wie viel genau?

Claude konnte es mir ausrechnen: 91,7 Prozent.

Das klingt gut, bedeutet aber: Von jeder Kilowattstunde, die ich in die Batterie stecke, kommen nur 917 Wattstunden wieder raus. Über ein Jahr summiert sich das. Ohne diese Zahl hätte ich das Gefühl gehabt, die Batterie “speichert” einfach alles. Mit der Zahl verstehe ich besser, wie das System wirklich funktioniert.

Ich kann mir jetzt auch Dashboards zusammenbauen lassen. Einen Rentabilitätsrechner zum Beispiel – wann hat sich die Anlage amortisiert? Bei den aktuellen Strompreisen, meinem Verbrauchsmuster, meiner Einspeisevergütung?

Das Wetter-Gespräch

Und ja, ich habe tatsächlich ein Gespräch über das Wetter geführt.

Die Anlage liefert Daten zur Außentemperatur, zur Innentemperatur und natürlich zur aktuellen Produktion. Dazu kommt die Tageszeit. Wenn man das kombiniert, kann man Rückschlüsse auf das Wetter ziehen.

“Wie bewölkt ist es gerade?”

Claude schaute auf die Daten: Mittagszeit, aber nur 40 Prozent der erwarteten Produktion. Außentemperatur moderat. Antwort: “Ziemlich bewölkt, würde ich sagen. Die Produktion liegt deutlich unter dem, was bei klarem Himmel möglich wäre.”

Das war der Moment, in dem ich dachte: Okay, das ist jetzt offiziell absurd. Ich rede mit meinem Wechselrichter über Wolken.

Das Gefühl des Wechselrichters

Einer meiner Lieblingsmomente war, als ich Claude bat, sich in die Perspektive des Wechselrichters zu versetzen. Was würde der über seine Situation sagen?

Die Antwort war unerwartet: Der Wechselrichter finde es “seltsam”, drei Strings zu haben, von denen nur zwei benutzt werden.

Das stimmt nämlich – wir haben zwei Dachflächen belegt, der dritte Eingang am Gerät ist leer. Technisch kein Problem, aber anthropomorphisiert klingt es fast ein bisschen traurig. Ein Wechselrichter mit ungenutztem Potenzial.

Natürlich ist das Quatsch. Ein Wechselrichter hat keine Gefühle. Aber diese spielerische Perspektive hat mir geholfen, die Anlage besser zu verstehen. Welche Kapazitäten sind da? Was wird genutzt, was nicht? Manchmal braucht man einen anderen Blickwinkel, um offensichtliche Dinge zu sehen.

Was ich daraus gelernt habe

Die Spielerei hat mir einen echten Mehrwert gebracht. Und zwar doppelt.

Erstens: Ich verstehe meine Anlage jetzt viel besser. Ich bekomme schnelle, einfache Antworten auf komplexe Fragen. Statt mich durch Tabellen zu wühlen, frage ich einfach. “Wie war meine Autarkie im Dezember?” – Antwort in Sekunden. Mit Kontext und Einordnung.

Zweitens: Ich habe das Konzept hinter MCP Servern endlich praktisch verstanden. Nicht durch Dokumentation lesen. Nicht durch Tutorials anschauen. Durch Bauen. Durch ein Problem, das mich interessiert hat.

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis: Die besten Lernprojekte sind die, die einem selbst etwas bringen. Nicht künstliche Übungsaufgaben, sondern echte Probleme. Auch wenn das “Problem” ist, dass man sich mit seiner PV-Anlage über das Wetter unterhalten möchte.

Für alle, die es ausprobieren wollen

Den MCP Server habe ich auf GitHub veröffentlicht. Open Source, zum Anschauen und Benutzen.

Allerdings ein wichtiger Hinweis: Im alten FoxESS Kundenportal (v1) konnte man sich einen API-Schlüssel generieren. Im neuen Portal (v2) geht das nicht mehr. Vermutlich gab es zu viele Leute wie mich, die auf interessante Ideen kamen.

Falls du also einen FoxESS Wechselrichter hast und noch Zugang zum alten Portal: Sichere dir deinen API-Key, bevor er verschwindet.

Und falls du einen anderen Wechselrichter hast, oder irgendein anderes Gerät mit API: Die Grundidee funktioniert überall. Wenn es eine Schnittstelle hat, auf die du Zugriff hast, kannst du es einem Sprachmodell geben.

Das ist vielleicht die eigentliche Botschaft: MCP Server sind kein Hexenwerk. Sie sind eine Brücke zwischen Daten und Sprachmodellen. Und diese Brücke kann man selbst bauen – auch wenn man vorher noch nie einen gebaut hat.

Man braucht nur eine Idee, die einen nicht mehr loslässt. Bei mir war es ein Gespräch über das Wetter.