Das ging schnell. In der einen Woche stuft die US-Regierung Anthropic faktisch als nationales Sicherheitsrisiko ein. In der nächsten sagt Donald Trump, das sehe er jetzt eigentlich nicht mehr so. Im Interview für ‘The Axios Show’ am 19. Juni wurde er gefragt, ob er Anthropic als Bedrohung betrachte. Seine Antwort: ‘Also, jetzt nicht — aber vor einer Woche vielleicht.‘
Was vorher passiert ist
Um die Wende zu verstehen, muss man kurz zurückspulen. In der Woche davor hatte die Trump-Administration den Zugang zu Anthropics stärksten Modellen — Mythos 5 und Fable 5 — für alle Länder außerhalb der USA und für ausländische Staatsbürger im Land gesperrt. Das Handelsministerium verhängte weitreichende Exportkontrollen, das Pentagon stufte Anthropic als Risiko für die Lieferkette ein.
Auslöser war offenbar ein Bericht von Amazon über eine Sicherheitslücke. Die Regierung trug das Anthropic vor — und fühlte sich abgewimmelt. Plötzlich wurde ein amerikanisches KI-Labor behandelt wie ein ausländischer Gegner. Für die ganze Branche war das ein Schock.
Was die Kehrtwende ausgelöst hat
Und dann? Der G7-Gipfel. Trump erzählt, er sei mit dem Eindruck nach Hause gegangen, dass Dario Amodei ‘nett’ und ‘klug’ sei. Manchmal sind es eben doch die persönlichen Begegnungen, die Politik machen. Beide Seiten arbeiten jetzt angeblich an gemeinsamen Standards, um KI-Jailbreaks zu bewerten — also genau an dem Sicherheitsthema, das den Streit ausgelöst hatte.
Ganz vom Tisch ist die Drohkulisse aber nicht. Trump schloss nicht aus, im Zweifel die Notstandsbefugnisse des Defense Production Act zu nutzen, falls Anthropic nicht spurt. Die Botschaft ist also: Frieden, aber unter Vorbehalt.
Meine Einordnung
Ich finde diese Episode aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens zeigt sie, wie dünn das Eis ist, auf dem die Frontier-Labore inzwischen unterwegs sind. Ein Bericht über eine Schwachstelle, ein verärgertes Telefonat — und schon steht ein Unternehmen mit Milliardenbewertung unter Exportkontrolle. Das ist eine völlig neue Größenordnung von politischem Risiko.
Zweitens: Wenn sich eine solche Eskalation innerhalb von Tagen über ein Gipfeltreffen wieder auflösen lässt, dann hängt offenbar viel an persönlichen Beziehungen und wenig an festen Regeln. Das ist beruhigend und beunruhigend zugleich. Für Anthropic, das gerade Richtung Börsengang läuft, dürfte die Erleichterung trotzdem groß sein. Vorerst.
Quellen:
- Exclusive: Trump tells ‘The Axios Show’ that Anthropic was a national security threat (Axios, 19. Juni 2026)
- Trump tells Axios he no longer views Anthropic as national security threat (CNBC, 19. Juni 2026)
- Trump’s fight with Anthropic is now a fight over cybersecurity (Axios, 16. Juni 2026)