Ich bin bei KI weder Pessimist noch blinder Enthusiast — und genau deshalb ist mir ein Text hängen geblieben, den Simon Willison letzte Woche empfohlen hat. Nik Suresh beschreibt in «AI Mania Is Eviscerating Global Decision-Making», wie die KI-Manie die Entscheidungsfindung in großen Unternehmen aushöhlt. Voller spitzer Anekdoten aus anonymen Quellen. Und leider sehr glaubwürdig.
Zwei Szenen
Ein Beispiel: Ein Manager gestand, in seinem ganzen Leben noch nie ChatGPT oder irgendein KI-Tool benutzt zu haben — direkt nachdem er eine technische Strategie für ein Unternehmen mit über zwei Milliarden Dollar Umsatz vorgelegt hatte, die komplett auf KI ausgerichtet war.
Noch bitterer die Szene eines Ingenieurs in einer Firma mit «Token-Leaderboard»: Er checkt eine Kopie des Go-Repositorys aus und lässt die KI das Ganze nach Zig umschreiben, während er an etwas anderem arbeitet — «nur damit ich meinen Job behalte».
Die eigentliche Frage
Am interessantesten ist Sureshs Erklärung, warum der Unsinn ohne Widerspruch weitergereicht wird. Es ist nicht nur Verkaufsgeschwafel. Führungskräfte bei den Kunden behaupten absurde 100-fache Produktivitätssteigerungen. Und wenn ein Manager beim Anbieter sagt, dass diese Zahlen unrealistisch sind, untergräbt er die Glaubwürdigkeit des Kunden-Managers — das gilt als Angriff, fast als Ketzerei, und kann den Vertrag kosten. Also schweigen alle.
Meine Einordnung
Wichtig ist mir: Das ist keine Abrechnung mit KI. Ich erlebe selbst, wie viel sie bringt — meine Erfahrung plus Claude Code sind eine starke Kombination. Das Problem im Text ist nicht die Technik, sondern die hype-getriebene Entscheidungsfindung. Wenn Strategien auf Wunschzahlen statt auf echter Erfahrung fußen, hilft das beste Modell nichts.
Genau da liegt der Wert solcher Texte. Sie sind ein Gegengewicht — nicht gegen KI, sondern gegen die Illusion, dass ein Tool die eigene Urteilskraft ersetzt. Wer KI wirklich nutzen will, muss sie selbst in die Hand nehmen, ausprobieren, verstehen. Alles andere ist nur ein teureres PowerPoint. Und mal ehrlich: Ein bisschen mehr Mut zum Widerspruch würde vielen Meetings guttun.
Quellen: