Ein Modell löst ein Problem, an dem Mathematiker seit über 50 Jahren knabbern — in weniger als einer Stunde. Genau das behauptet OpenAI: GPT-5.6 Sol Ultra soll einen Beweis der Cycle-Double-Cover-Vermutung erzeugt haben. Das PDF liegt seit dem 10. Juli auf OpenAIs Servern, als Autor ist ausschließlich das Modell selbst genannt.
Worum es geht
Die Vermutung wurde unabhängig von George Szekeres (1973) und Paul Seymour (1979) formuliert. Vereinfacht sagt sie: Für jeden Graphen ohne «Brücken» — also ohne Kanten, deren Entfernung den Graphen zerteilen würde — lässt sich eine Sammlung von Zyklen finden, die jede Kante genau zweimal abdeckt. Klingt harmlos, ist aber eines der bekannten offenen Probleme der Graphentheorie.
Das Bemerkenswerte an der Herangehensweise: OpenAI ließ 64 Subagenten parallel arbeiten. Statt eines einzelnen Denkprozesses war es ein ganzer Schwarm, der Teilprobleme zerlegte, Ansätze verwarf und zusammensetzte.
Die wichtige Einschränkung
Der Beweis ist noch nicht peer-reviewed. Er ist nicht von der Fachwelt bestätigt. Und genau hier fängt die eigentliche Arbeit an: Auf Hacker News und in Mathematik-Kreisen wird bereits kritisch geprüft, ob der Beweis wirklich lückenlos ist oder ob sich irgendwo ein Fehler versteckt.
Das ist kein Detail am Rande. Ein «maschinell verifizierter» Beweis klingt nach Gewissheit — aber die Verifikation eines KI-Outputs durch Menschen dauert Wochen bis Monate.
Meine Einordnung
Wenn der Beweis hält, ist das ein größerer Moment als jeder Benchmark-Sieg. Spiele gewinnen, Code schreiben — das haben Modelle schon gezeigt. Ein echtes, ungelöstes mathematisches Problem zu knacken, wäre eine andere Liga: originäre intellektuelle Arbeit statt Mustererkennung.
Aber ich bleibe vorsichtig. Die Geschichte der KI ist voll von «Durchbrüchen», die sich bei genauem Hinsehen relativierten. Das Spannende ist nicht die Pressemitteilung, sondern was die Mathematiker in den nächsten Wochen sagen. Genau da schaue ich hin.
Quellen: