Das ist eine Nachricht, die man erst zweimal lesen muss: Die US-Regierung hat Anthropic am Freitagabend um 17:21 Uhr eine Exportkontroll-Direktive zugestellt, die den Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 für alle ausländischen Staatsangehörigen untersagt — egal ob innerhalb oder außerhalb der USA. Einschließlich Anthropics eigener nicht-amerikanischer Mitarbeiter.
Die Konsequenz: Anthropic hat beide Modelle für sämtliche Kunden weltweit abgeschaltet. Nicht nur für ausländische Nutzer — für alle. Weil eine selektive Umsetzung technisch nicht machbar war.
Was ist passiert?
Handelsminister Howard Lutnick schickte Dario Amodei einen Brief, der Fable 5 und Mythos 5 unter Exportkontrollen stellt. Der Grund: Ein anderes Unternehmen habe der Regierung eine Methode gezeigt, mit der sich Fables Sicherheitsmechanismen umgehen lassen — ein sogenannter Jailbreak.
Anthropic widerspricht deutlich. Das Unternehmen hat die gezeigte Technik überprüft und sagt: Sie deckt nur bekannte, kleine Schwachstellen auf, die auch andere frei verfügbare Modelle finden können. Kein universeller Jailbreak, keine neuen Fähigkeiten, die über das hinausgehen, was etwa OpenAIs GPT-5.5 ebenfalls kann.
Anthropics Verteidigung
In einem ausführlichen Statement legt Anthropic seine Position dar:
- Tausende Stunden Red-Teaming mit der US-Regierung, dem britischen AISI und externen Organisationen vor dem Launch
- Kein Tester hat einen universellen Jailbreak gefunden
- Anthropic verfolgt eine ‘Defense in Depth’-Strategie: Jailbreaks sollen entweder eng begrenzt oder sehr teuer zu produzieren sein
- 30-Tage-Datenretention ermöglicht schnelles Erkennen und Schließen von Angriffen
Der Satz, der es auf den Punkt bringt: ‘Wenn dieser Standard branchenweit angewandt würde, würde er im Grunde alle neuen Modell-Deployments für alle Frontier-Anbieter stoppen.‘
Kontext: Anthropic vs. Pentagon
Die Geschichte hat Vorgeschichte. Anthropic hatte sich Anfang des Jahres geweigert, dem US-Militär uneingeschränkten Zugang zu Claude für Überwachung und autonome Waffensysteme zu geben. Die Regierung setzte Anthropic daraufhin auf eine Supply-Chain-Blacklist. Diese Exportkontroll-Direktive könnte als Eskalation dieses Konflikts gelesen werden.
Was das bedeutet
Alle anderen Anthropic-Modelle — Opus 4.8, Sonnet 4.6, Haiku 4.5 — bleiben verfügbar. Nur die Mythos-Klasse ist betroffen.
Aber das Signal ist beunruhigend: Eine Regierung kann ein kommerzielles KI-Modell, das Hunderte Millionen Menschen nutzen, innerhalb von Stunden vom Netz nehmen — auf Basis eines nicht offengelegten Jailbreak-Berichts, ohne transparentes Verfahren.
Anthropic arbeitet daran, den Zugang wiederherzustellen und nennt die Situation ein ‘Missverständnis’. Ob das stimmt oder ob hier größere politische Kräfte am Werk sind, wird sich zeigen.
Quellen: