Über das Wasserzeichen in Claudes Texten haben wir hier schon zweimal geschrieben: als Anthropic es angekündigt hat, und als sich Nutzer darüber geärgert haben. Jetzt hat Anthropic einen offiziellen Text nachgeschoben, der die naheliegende Frage beantwortet – wie funktioniert das Ding eigentlich?
Nicht welches Wort, sondern woher der Zufall kommt
Ein Sprachmodell schreibt Wort für Wort. Bei jedem Schritt wählt es aus mehreren plausiblen Kandidaten. Nimm den Satz „Das Wetter war heute kalt und…”. Ob als Nächstes „grau” oder „bewölkt” kommt, ändert die Bedeutung kaum – die Wahl fällt normalerweise per Zufallszahl.
Genau hier setzt das Wasserzeichen an. Es tauscht nicht die Wörter aus, sondern die Quelle des Zufalls. Statt einer beliebigen Zufallszahl nutzt Claude einen Schlüssel plus die paar vorangegangenen Wörter, um das nächste Wort zu bestimmen. Die Wörter bleiben zufällig – aber wer den Schlüssel hat, kann prüfen, ob die Abfolge zu den Entscheidungen passt, die Claude mit diesem Schlüssel getroffen hätte. Wichtig: Claude wird dadurch nicht zu Wörtern gedrängt, die es sonst nie nehmen würde. Kein plötzliches „nubilös” statt „bewölkt”.
Der Monopoly-Vergleich
Anthropic erklärt es über ein Brettspiel. Stell dir vor, ihr würfelt bei Monopoly nicht, sondern lest die Augenzahlen aus den Nachkommastellen von Pi ab – von einer zufällig gewählten Stelle an immer die nächste Ziffer. Für die Spieler ändert das nichts, die Züge sind so zufällig wie vorher. Aber wer hinterher die ganze Zugfolge kennt und Pi kennt, kann rekonstruieren, dass hier mit Pi „gewürfelt” wurde. Das Spiel ist in gewissem Sinn mit einem Wasserzeichen versehen. Bei Claudes Texten läuft es genauso.
Wo das Wasserzeichen schwach wird
Die Methode – eine Variante von Google DeepMinds SynthID-Text – hat klare Grenzen. Sie sagt nur, wie wahrscheinlich Claude beteiligt war, nicht ob ein Mensch geschrieben hat. Bei kurzen Texten trägt sie kaum, weil es zu wenige Wortentscheidungen gibt. Bei Fakten und Code ist sie dünn: Wenn nach „2 + 2 =” nur „4” richtig ist, gibt es nichts zu markieren. Und wer einen Text von Claude nur leicht korrigieren lässt, hinterlässt fast keine Spur, weil kaum Wörter von Claude stammen. Ein kompletter Rewrite entfernt das Wasserzeichen ganz.
Meine Einordnung
Mir gefällt, dass Anthropic hier nicht mit Marketing kommt, sondern mit einer nachvollziehbaren Erklärung samt Pi-Analogie. Der Grund für das Ganze ist übrigens nüchtern: der EU AI Act, der ab dem 2. August verlangt, KI-Texte zu markieren. Andere Anbieter haben denselben Kodex unterschrieben und bauen eigene Wasserzeichen.
Zwei Punkte finde ich praktisch wichtig. Erstens: Es steckt keine Information über dich, deine Firma oder deinen Chat im Wasserzeichen. Zweitens: Eine Detection-API kommt noch, für Bilder gibt es das C2PA-Metadaten-Label. Das Wasserzeichen beweist am Ende nur eines – dass Claude wahrscheinlich beteiligt war. Nicht mehr, nicht weniger.
Quellen: