Mythos war lange das Modell, über das man nur im Flüsterton sprach. Zu stark, zu heikel, im Frühjahr versehentlich geleakt, seitdem Dauergast in den Schlagzeilen über KI und Cybersecurity. Jetzt macht Anthropic den nächsten Schritt und lässt Verteidiger ran — allerdings nur an das Ergebnis, nicht an das Modell selbst.
Der Trick: Zugriff aufs Resultat, nicht aufs Modell
Der Kern der Ankündigung ist eine simple Unterscheidung. Gefährlich wird es, wenn jemand direkt mit dem Modell reden und es Richtung Angriff steuern kann. Bekommt ein Nutzer dagegen nur ein fertiges Ergebnis — einen Patch, eine Sicherheitswarnung — sinkt das Risiko drastisch.
Genau darauf baut das neue Setup. Claude Security läuft jetzt auf Claude Mythos 5. Enterprise-Kunden können damit ihre Codebasis scannen lassen: Claude findet Schwachstellen, ordnet sie einer CWE-Kategorie zu, gibt Konfidenz und Schweregrad an und schlägt einen Fix vor. Den Scan selbst macht Mythos, aber niemand kann das Modell nebenbei bitten, doch mal eben einen Exploit zu bauen. Jeder Patch muss von einem Menschen geprüft und freigegeben werden.
Abgerechnet wird das über den normalen Token-Verbrauch im bestehenden Plan, kein separates Add-on. Wer den Fix umsetzen will, öffnet Claude Code im Web und arbeitet dort mit den Modellen, die die eigene Organisation ohnehin hat.
35 Millionen für Open Source
Der zweite Teil ist ein Fonds. Der Defender Advantage Fund — intern 0xDAF — stellt 35 Millionen Dollar an Claude-Credits bereit, für Organisationen, die offene Software absichern. Das Geld soll in drei Richtungen fließen: aktive Lücken in viel genutzten Projekten schließen, das Scannen und Patchen automatisieren, und Projekte gegen ganze Angriffsklassen härten.
Der Hintergrund ist bekannt und unbequem. Ein großer Teil der Software, auf der die Welt läuft, wird von Freiwilligen gepflegt, die weder Zeit noch Personal für eine ernsthafte Verteidigung haben. Anthropic startet mit wenigen größeren Pilot-Zuschüssen und will schauen, was skaliert.
Dazu kommt die Erweiterung des Cyber Verification Program: Geprüfte Verteidiger sollen künftig auch bei Opus und Sonnet weniger Blocks sehen, Mythos-Zugang folgt.
Meine Einordnung
Was ich daran mag, ist die Ehrlichkeit über das Dilemma. Ein Modell, das Schwachstellen findet, findet sie für beide Seiten. Anthropic tut nicht so, als wäre das gelöst — die Antwort ist ein Umweg: Du bekommst den Patch, aber nicht die Tastatur zum Modell. Ob dieser Umweg dauerhaft hält, wird sich zeigen. Aber es ist ein durchdachter Kompromiss statt eines pauschalen Nein oder eines leichtfertigen Ja.
Der Fonds ist die zweite Hälfte der Geschichte, und für mich fast die wichtigere. Frontier-Modelle in die Hände großer Firmen zu geben ist das eine. Den unterbesetzten Open-Source-Betreuern zu helfen, deren Code am Ende in genau diesen Firmen läuft, ist das andere — und da liegt seit Jahren die eigentliche Baustelle.
Quellen: