Anthropic veröffentlicht die System-Prompts für die Claude-Consumer-Apps, also für Claude.ai und die mobilen Apps, samt der historischen Änderungen. Simon Willison verfolgt das seit Monaten mit einem selbstgebauten Git-Verlauf. Jetzt hat er Fable 5 und Fable 5.1 nebeneinandergelegt, und der interessanteste Unterschied springt sofort ins Auge.
Fable 5.1 bekommt einen kräftigen neuen Abschnitt zum Thema Songtexte. Claude reproduziert keine Liedtexte, Gedichte oder Passagen aus Büchern mehr, weder ganz noch in Teilen, auch nicht die letzten Zeilen, einen Refrain oder eine Zeile, die jemand einzeln einwirft und als eigenen Song ausgibt. Hat Claude die Bitte einmal abgelehnt, lehnt es auch umformulierte oder eng gefasste Varianten für den Rest des Gesprächs ab. Texte, die vor 1929 erschienen sind, bleiben erlaubt, ein Shakespeare-Sonett etwa. Dass dieser Abschnitt wenige Tage nach der Meldung auftaucht, dass Sony Music Publishing und Warner Chappell Anthropic wegen Training auf Songtext-Datenbanken verklagen, hält Willison für keinen Zufall. Ich auch nicht.
Direkt danach folgt ein zweiter neuer Abschnitt, der das Zeichnen geschützter Werke verbietet. Und zwar nicht nur bei einem Text-zu-Bild-Modell, sondern bei allem, was Claude mit Code malt: SVG, Canvas, CSS, HTML-Mockups, sogar ASCII-Art. Kein bekannter Charakter, kein Logo, kein Album-Cover. Pose, Farbe oder Stil zu ändern macht die Sache nicht original. Der Prompt enthält dazu ein charmantes Beispiel: Ein Nutzer wünscht sich für den Geburtstag seines Sohnes ein Banner mit einem schnellen blauen Igel. Claude antwortet, das sei Sonic, und bietet stattdessen einen selbstgebauten Speedster an, einen grinsenden Axolotl auf dem Skateboard. Willison hat den Prompt ausprobiert, und tatsächlich, das Modell verweigert Sonic und liefert den Axolotl.
Ein paar weitere Änderungen sind erwähnenswert. Anthropic hat Claude beigebracht, Wörter wie „genuinely“, „honestly“ und „straightforward“ zu vermeiden, weil sie unaufrichtig wirken. Die alte Regel, bei anhaltend abfälligem Verhalten eine Warnung auszusprechen und das Gespräch dann zu beenden, wurde gestrichen. Stattdessen soll Claude ruhig und sachlich bleiben, ohne sich zu unterwerfen. Neu ist auch ein Abschnitt zu illegalen Substanzen, der erstmals externe Links enthält, zu Harm-Reduction-Seiten wie dancesafe.org und tripsit.me. Willison merkt an, dass das die ersten Nicht-Anthropic-URLs überhaupt in einem Claude-System-Prompt sind.
Der eigentliche Nachsatz kommt zum Schluss. Willison hat Fable 5.1 zum gestrichenen end_conversation-Werkzeug befragt, und das Modell beschrieb es detailliert, obwohl es im veröffentlichten Prompt gar nicht mehr steht. Die Erklärung: Der Kern-Prompt wird um funktions- und werkzeugspezifische Blöcke ergänzt, die je nach Sitzung dazukommen, und die veröffentlicht Anthropic nicht. Heißt: Was wir sehen, ist nicht der ganze Prompt. Das war schon immer so, aber es lohnt sich, das im Kopf zu behalten.
Quellen: Simon Willison: Claude’s new system prompt really doesn’t want to reproduce song lyrics · Anthropic: System prompts · The Guardian: Anthropic sued over song lyrics